| von Eckhart Arnold | Inhaltsverzeichnis |
Im Vorwort der "Dialektik der Aufklärung" erklären die Autoren ihre Intention damit, dass sie sich die Erkenntnis vorgesetzt hätten, "warum die Menschheit anstatt in einen wahrhaft menschlichen Zustand einzutreten, in eine neue Art von Barbarei versinkt." (Adorno,Horkheimer:1947, S. 1) Und gleich auf der ersten Seite stellen sie fest: ".. die vollständig aufgeklärte Erde strahlt im Zeichen triumphalen Unheils." (Adorno,Horkheimer:1947, S. 9) Nirgendwo in dem Werk wird eindeutig erklärt, was sie mit dem "triumphalen Unheil" und der "Barbarei" meinen, aber aus zahlreichen Anspielungen und dem zeitlichen Kontext der Entstehung des Werkes geht hervor, dass mit der Barbarei offenbar totalitäre Herrschaftsformen und in erster Linie der Faschismus gemeint sind.[5]
Die Ursache für die "Barbarei" suchen Adorno und Horkheimer, wie der Titel ihres Werkes andeutet, in den Verwerfungen eines missglückten Aufklärungsprozesses. Weshalb führt aber nach Adornos und Horkheimers Ansicht gerade die Aufklärung in den Totalitarismus? Unstrittig ist (auch für Adorno und Horkheimer), dass dies keineswegs den Intentionen der Aufklärung entspricht. Um diese Frage zu beantworten, muss man auf den Ursprung der Aufklärung zurück gehen. Die Aufklärung ist nämlich, glaubt man Adorno und Horkheimer, mit einem Geburtsfehler belastet: Sie ist von Anfang an mit Herrschaft verquickt. Für Adorno und Horkheimer fängt die Aufklärung dabei schon in der Mythologie an. Aufklärung kann man im allerweitesten Sinne als die rationale Kritik überkommener Vorurteile verstehen. Und etwa in diesem Sinne meinen Adorno und Horkheimer, dass bereits in der Mythologie solche Elemente rationaler Kritik eingeschlossen sind, durch die frühere Mythologien verdrängt werden (Adorno,Horkheimer:1947, S.14/15). So stellen die Epen Homers gegen über früheren Mythen einen Aufklärungsfortschritt dar, doch es gibt etwas, "was Epos und Mythos in der Tat gemein haben: Herrschaft und Ausbeutung." (Adorno,Horkheimer:1947, S.52) Dieser Geburtsfehler zieht sich durch den gesamten Zivilisationsprozess, gleichsam als habe sich schon sehr früh eine Unwucht in das Getriebe der Menschheitsgeschichte eingeschlichen, die mit der Zeit immer größere Zerstörungen anrichtet. So gesehen wird im Totalitarismus des 20.Jahrhunderts nur manifest, was schon in der Mythologie angelegt war: "Schon der originale Mythos enthält das Moment der Lüge, das im Schwindelhaften des Faschismus triumphiert." (Adorno,Horkheimer:1947, S. 52)
Die Anfänge des Aufklärungsprozesses als Verhängnisgeschichte untersuchen Adorno und Horkheimer am Beispiel der Odyssee Homers. In der Art und Weise, wie in der Odyssee auf die älteren Mythen symbolisch Bezug genommen wird, zeigt sich für Adorno und Horkheimer, dass dem Prozess der Aufklärung im Sinne der Überwindung weniger aufgeklärter Stadien immer auch etwas Gewalttätiges anhaftet. Das vorläufige Ende der Aufklärung im 20.Jahrhundert ist markiert durch die positivstische Philosophie, die für die Autoren so etwas wie die Vollendungsgestalt des aufklärerischen Denkens darstellt (Adorno,Horkheimer:1947, S. 22, S. 24), und durch die moderne Unterhaltungskultur ("Kulturindustrie"), die nach Ansicht von Adorno und Horkheimer "Aufklärung als Massenbetrug" (Adorno,Horkheimer:1947, S. 128) inszeniert. Es mag auf den ersten Blick verblüffend erscheinen, dass Adorno und Horkheimer dabei den Positivismus ebenso wie die moderne Unterhaltungskultur in einen Zusammenhang mit dem Faschismus bzw. Totalitarismus stellen. Und die kritische Untersuchung der Thesen der "Dialektik der Aufklärung" in den folgenden Kapiteln dieser Arbeit wird zeigen, dass der Zusammenhang zwischen Positivismus und Totalitarismus rein fingiert und der zwischen der modernen Unterhaltungskultur und dem Totalitarismus zumindest wesentlich schwächer ist, als Adorno und Horkheimer vermuten. Aber Adorno und Horkheimer glaubten offenbar, dass tatsächlich ein Zusammenhang zwischen dem Positivismus, der Kulturindustrie und dem Faschismus bestand. Denn während sie ihre radikale Aufklärungskritik in dieser Form nirgendwo noch einmal wiederholt haben, finden sich ähnliche Vorwürfe gegen den Positivismus auch in anderen Schriften der Autoren.[6] Positivismus und Kulturindustrie sind für Adorno und Horkheimer wichtige Faktoren in einem Prozess, in dem sich die bürgerliche Gesellschaft mit innerer Folgerichtigkeit zu einer totalitären Gesellschaft wandelt.
Insgesamt lässt sich die Grundthese der "Dialektik der Aufklärung" also in etwa folgendermaßen rekonstruieren: Aufklärung ist von Anfang an mit dem Fehler der Herrschaftsdienlichkeit und Gewaltsamkeit belastet. Eine unkontrollierte ("unreflektierte") Aufklärung hat deshalb selbstzerstörerischen Charakter und führt in den Totalitarismus.
Diese These soll im Folgenden in zwei Schritten kritisiert werden. Als Erstes versuche ich klar zu stellen, dass die These, dass Aufklärung in den Totalitarismus führt, historisch betrachtet schlicht falsch ist, und dass die von Adorno und Horkheimer behaupteten Zusammenhänge von Positivismus, Kulturindustrie und Faschismus m.E. nicht gegeben sind. Ich werde diese Fragen lösgelöst vom Text der "Dialektik der Aufklärung" als historische bzw. philosophiehistorische Fragen behandeln. Mir scheint nämlich, dass Adornos und Horkheimers Begründung für ihre These so schwach ist, dass sie eine ernsthafte Berücksichtigung kaum verdient, so dass es wenig sinnvoll ist, für die Untersuchung der historischen Zusammenhänge auf den Text der "Dialektik der Aufklärung" einzugehen. Die Rechtfertigung für diese Vorgehensweise werde ich im folgenden Kapitel (Kapitel 4) nachliefern, wo die "Argumente", die Adorno und Horkheimer für ihre These anführen, näher betrachtet werden, und wo ich zu zeigen versuche, dass man diese "Argumente", sofern man wissenschaftliche Maßstäbe anlegt, nicht einmal ansatzweise ernst nehmen kann.
[5] Es dürfte im Hinblick auf den späteren Rezeptionserfolg des Werke nicht ohne Bedeutung gewesen sein, dass man auf Grund der Unspezifiziertheit des Begriffs die "Barbarei" auch als irgendeine Form von sinnentleerter Gesellschaft verstehen kann. In diesem weiten Sinne verstanden, würden allerdings der Krisenpessimismus und die Untergangsstimmung, die das Werk atmet, unangemessen und geradezu grotesk erscheinen. Deshalb gehe ich in meiner Interpretation davon aus, dass Adorno und Horkheimer ihre Leser und Leserinnen tatsächlich vor dem Totalitarismus warnen wollen und nicht bloß vor dem Konsumterror oder der Umweltzerstörung.
[6] Für die Positivismuskritik siehe etwa Horkheimers Aufsatz "Der neuste Angriff auf die Metaphysik" von 1937. Dort schreibt Horkheimer: "Und doch ist sie [die neupositivistische Philosophie, E.A.] in ihrer gegenwärtigen Gestalt nicht weniger fest als die Metaphysik mit den herrschenden Zuständen verknüpft. Wenn ihr Zusammenhang mit den totalitären Staaten [sic!] nicht offen zutage liegt, so ist er doch unschwer zu entdecken. Neuromantische Metaphysik und radikaler Positivismus gründen beide in der traurigen Verfassung eines großen Teils des Bürgertums, das die Zuversicht, durch eigene Tüchtigkeit die Verhältnisse zu verbessern, restlos aufgegeben hat und aus Angst vor einer entscheidenden Änderung des Gesellschaftssystems sich willenlos der Herrschaft seiner kapitalkräftigsten Gruppe unterwirft." (Horkheimer:1937, S. 116) - Der Zusammenhang von Faschismus und "Kulturindustrie" liest sich in der "Dialektik der Aufklärung" z.B. so: "In der totalen Hereinziehung der Kulturprodukte in die Warensphäre verzichtet das Radio überhaupt darauf, seine Kulturprodukte selber als Waren an den Mann zu bringen. Es erhebt in Amerika keine Gebühren vom Publikum. Dadurch gewinnt es die trügerische Form desinteressierter, überparteilicher Autorität, die für den Faschismus wie gegossen ist. Dort wird das Radio zum universalen Maul des Führers; in den Straßenlautsprechern geht seine Stimme über ins Geheul der Panik verkündenden Sirenen, von denen moderne Propaganda ohnehin schwer zu unterscheiden ist. Die Nationalsozialisten selber wußten, daß der Rundfunk ihrer Sache Gestalt verlieh wie die Druckerpresse der Reformation." (Adorno,Horkheimer:1947, S. 168)